Die Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz (AGW) wurde 1965 gegründet. Anlass war die dramatische Abnahme des Wanderfalken, die damals in Baden-Württemberg wie in ganz Mitteleuropa zu beobachten war. Die Hypothese, dieser Vorgang sei allein die Folge der damals in der Landwirtschaft weltweit und in grossen Mengen eingesetzten Pestizide vom Typ der Chlorkohlenwasserstoffe, war allgemein verbreitet. Es war aber auch aufgefallen, dass Bruten des Wanderfalken deshalb oft erfolglos endeten, weil die Jungen aus den Horsten gestohlen wurden. Die AGW begann in Baden-Württemberg eigene Untersuchungen durchzuführen. Zunächst wurden die Horste der Wanderfalken bewacht. Dabei wurden viele naturwissenschaftliche Daten gesammelt, die eine Ausweitung der Arbeitsfelder erforderlich machten, insbesondere - Bau von zusätzlichen Bruthilfen als Ersatz für verlorengegangene frühere Brutplätze infolge der Überbauung grosser Teile der Landschaft bis in ehemals ruhige Brutreviere hinein. Ausserdem wurden fast alle Brutfelsen durch Freizeitaktivitäten mit stark zunehmender Tendenz in Anspruch genommen. - Verfolgung und Aufklärung von Aushorstungen, die systematischer, umfangreicher und raffinierter versucht wurden, als man zunächst annehmen konnte. - Informationen an Politiker, Behörden und Medien. Seit 1985 traten auch in Baden-Württemberg die Folgen der weltweit entstandenen Bewegung des Sportkletterns an den Felsen des Landes massiv in Erscheinung. Gewisse Kletterer hatten begonnen, die Felsen "nachzuerschliessen", zu "sanieren". Das bedeutete, dass alle klettertauglichen Felsen mit modernen Sicherungsmaterialien (Zehntausende von eingebohrten und einzementierten Kletterhaken) überzogen wurden. Die Anzahl der Kletterrouten stieg (gegenüber 1980) sprunghaft um das Fünf- bis Zehnfache an. Durch Kletterkurse, Gruppenreisen in immer wieder neue Felsgebiete, Routenführer (Kletterbücher) und Verkauf von Kletterutensilien entstanden Unruhe und intensive Inanspruchnahme der Felsen; die Freizeitindustrie hatte begonnen, Felsen in ihr Vermarktungskonzept einzubeziehen. Die AGW konnte diesen Massenansturm nicht bremsen. Sie hat versucht, die Naturschutzbehörden bei der Umsetzung des Naturschutzgesetzes und bei Lenkungsversuchen zu unterstützen. Deshalb ist dem "Lebensraum Fels" in der vorliegenden Publikation ein eigenes Kapitel gewidmet. Die Entwicklung des Wanderfalken in den vergangenen 30 Jahren wird für die Bundesrepublik Deutschland und die europäischen Nachbarländer dargestellt. Durch getrennte Beiträge von Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit der grössten Einwohnerzahl und der dichtesten Besiedlung, von den baumbrütenden Wanderfalken der norddeutschen Tiefebene und von Baden-Württemberg wird der Überblick ergänzt. Dabei fällt auf, dass der Rückgang in ganz Mitteleuropa seit den 50er Jahren eingesetzt und bis etwa 1965 überall zu bedeutenden Verlusten geführt hat. Nach 1965 verlief die Entwicklung unterschiedlich. Ein deutliches Nord-Süd-Gefälle wurde erkennbar. In Nordfrankreich, den Benelux-Ländern, in Norddeutschland, Dänemark, Polen und anderen osteuropäischen Ländern erloschen die Populationen des Wanderfalken vollständig. In Mittel- und Südfrankreich (sowie England, Spanien, Italien), in Baden-Württemberg und in den Alpen hielten sich Restbestände. Aus diesen haben sich bis 1995 in Frankreich, der Schweiz, Österreich, den bayerischen Alpen, in Rheinland-Pfalz und im Saarland Populationen entwickelt, die in diesen Regionen die Bestände der Zeit um 1950 ungefähr wieder erreichten. In Baden-Württemberg verlief die Entwicklung einzigartig positiv: 1994 lebten hier wieder 227 Paare Wanderfalken; 132 dieser Paare zogen 322 Junge auf. Bemerkenswert ist, das in al diesen Ländern keine (oder keine relevanten) Auswilderungen gezüchteter Wanderfalken stattgefunden haben.