Der Einfluss von Diflubenzuron auf die Waldlebensgemeinschaften von Vögeln, Nachtschmetterlingen, xylobionten und phytophagen Käfern, Netzflüglern, baumkronenbewohnenden Wanzen und Ameisen wurde im vorliegenden Projekt in einem unterfränkischen Eichen-Hainbuchen-Wald untersucht. Als Untersuchungsgebiete wurden benachbarte Flächen ausgewählt, da sie in ihrem Waldaufbau und den standörtlichen Gegebenheiten stark übereinstimmten und somit direkt vergleichbar waren. Das Gebiet wurde aufgegliedert in Fläche A (Applikation von 15g/ha Dimilin 80WG im Mai 2004), Fläche B (Applikation von 15g/ha Dimilin 80WG im Mai 2005) und Fläche N (Nullfläche, stets insektizidfrei). Eine Schädigung von Vögeln durch Diflubenzuron auf direktem Wege - also durch Kontakt mit dem Sprühnebel oder orale Aufnahme - ist auszuschließen (z.B. Martinat et al. 1987, Eisler 1992). Ziel dieser Studie war die Quantifizierung und Beurteilung der indirekten Beeinträchtigung. Die Avizönose wurde in der Fläche B und der Nullfläche N untersucht. Im Jahr 2004 (vor der Dimilin-Applikation) unterschied sich die Vogellebensgemeinschaft in den beiden Flächen B und N nicht signifikant voneinander. Nach der Insektizid-Behandlung im Mai 2005 war die Arten- und Individuendichte in B signifikant niedriger als in N. Die Gilde der Insektenfresser trat nach der Dimilin-Behandlung in B signifikant seltener auf. Vögel, die am Stamm und der Innenkrone nach Nahrung suchen, bevorzugten nach der Behandlung in signifikantem Maße die Nullfläche. Meisen kamen nach der Behandlung tendenziell häufiger in der Nullfläche vor. Spechte zeigten keine deutliche Reaktion auf die Behandlung. Bei Kohl- und Blaumeisen-Altvögeln konnte keine Veränderung der Fütterungstätigkeit festgestellt werden. Da die Messungen auf Grund technischer Probleme nicht bis zum Ende der Nestlingszeit durchgeführt werden konnten, ist eine abschließende Aussage über die Beeinflussung der Aktivität der Altvögel nicht möglich. Untersuchungen anderer Autoren deuten darauf hin, dass Vögel die Futtersuche bei gesunkenem oder verändertem Beutetierangebot intensivieren und dadurch ihren Energieverbrauch erhöhen (Cooper et al. 1990, Wright et al. 1998, Naef-Daenzer 2000). In der behandelten Fläche sank der Raupenanteil in der Nestlingsnahrung von Kohl- und Blaumeisen auf unter 50% - während in der Nullfläche noch zu 80% Lepidopteren-Larven verfüttert wurden. Auch von anderen Autoren wurde nach einem Dimilin-Einsatz bei Waldvögeln ein Beutewechsel beobachtet (DeReede 1982, Cooper et al. 1990, Sample et al. 1993b). Durch die geringere Energiezufuhr wird die Überlebensrate der Jungvögel verringert (Tinbergen & Boerlijst 1990), die zukünftige Reproduktionsleistung der Population wird reduziert (Martin 1987). In Fläche B und N wurden in den untersuchten Nistkästen ähnlich viele Nestlinge der Erstbrut von Kohl- und Blaumeisen flügge. Während in der Nullfläche aber in zahlreichen Nistkästen Zweitbruten angelegt wurden, brütete in der behandelten Fläche B fast kein Meisenpaar ein zweites Mal. Der Bruterfolg von Bunt- und Mittelspechten - die in der Regel nur eine Jahresbrut zeitigen - wurde im Untersuchungsgebiet nicht messbar negativ beeinflusst. Die Untersuchungen der Insekten fanden in allen drei Teilflächen (A, B und N) statt. Die Lebensgemeinschaft der xylobionten Käfer im Untersuchungsgebiet wurde durch den Dimilin-Einsatz nicht messbar geschädigt. Fläche B war auch nach der Behandlung signifikant arten- und individuenreicher als die Nullfläche. Untersuchungen von Sample et al. (1993a), Lobinger & Skatulla (1998) und Rieske & Buss (2001) kamen ebenfalls zu dem Schluss, dass xylobionte Coleopteren gar nicht oder nur kurzfristig durch den Häutungshemmer beeinträchtigt werden. Eine Schädigung von arborikolen Ameisen durch Diflubenzuron ließ sich nicht feststellen (Schlumprecht 2005a, b). Diverse Untersuchungen in anderen Gebieten kamen zum gleichen Ergebnis (Lischke 1993, Sample et al. 1993a, Butler et al. 1997). Die Lebensgemeinschaft der baumkronenbewohnenden Wanzen wurde durch Dimilin nicht messbar beeinträchtigt. Nach der Behandlung im Jahr 2005 war Fläche B sogar signifikant arten- und individuenreicher als die beiden übrigen Gebiete. Wodurch diese positive Reaktionen ausgelöst wurden, konnte nicht geklärt werden. Bornholdt & Brenner (1996) machten die gleiche Beobachtung. Die höchste Netzflügler-Dichte wurde in den jeweils frisch behandelten Flächen nachgewiesen. Im darauffolgenden Jahr war die Populationsdichte jedoch stark reduziert. Sowohl bei der Neuropteren-Dichte insgesamt als auch bei den Larvenzahlen und bei den Rote Liste-Arten wurde dieses Phänomen festgestellt.