Titel
Siedlungsentwicklung und Naturkatastrophenpotential am Beispiel Oesterreichischer Alpentaeler
Verfasser
Körperschaft
Erscheinungsort
Berlin
Verlag
Erscheinungsjahr
1996
Seiten
S. 33-67
Illustrationen
zahlr. Lit. Ang.
Material
Bandaufführung
Standardsignatur
13822
Datensatznummer
67897
Quelle
Abstract
Dank der Lage der Alpen inmitten Europas haben seit der juengeren Steinzeit, als die Menschen begannen sesshaft zu werden, verschiedene Voelker das alpine Siedlungsgeschehen beeinflusst. Die Siedlung begann zuerst in erkannten Gunstlagen in mittleren Hoehen, wie die ueberkommenen Namensschichten beweisen, und setzte sich spaeter in den weniger gefaehrdeten Lagen der Schwemmkegel fort; bewusst wurde das Gebiet der Hochfluten in den grossen Sohlentaelern gemieden. Zur Zeit der Roemer, die ihre Siedlungen entlang der Verkehrswege anlegten, war die Almwirtschaft schon voll im Gange. Aber schon vorher hatten sich in der Bronze- und Eisenzeit auf der Suche nach Erzen bestimmte auch z.T. hochgelegene Gebirgslagen als Siedlungserfordernis ergeben, ohne dass dadurch dem Land der Charakter einer wald- und bergbaeuerlichen Kulturlandschaft abhanden gekommen waere. Brandrodungen schon vor der Zeitrechnung und spaetere Salinenschlaege in der beginnenden Neuzeit bedeuteten zwar oertlich massive Eingriffe, ohne jedoch die in guenstigen Lagen sich haltenden Siedlungen in Frage zu stellen. Erst die neuerlichen Rodungen im 19. Jahrhundert in Tirol fuehrten zu Existenzeinbussen und teilweiser Abwanderung. Unbeschadet dessen blieb aber der Eindruck einer landschaftsoekologisch verstaendig kultivierten und genutzten Bergbauernlandschaft bis nach dem 2. Weltkrieg erhalten. Erst die wirtschaftliche Prosperitaet und Urbanisierung der Menschen fuehrte zur Besiedelung altbekannter Gefahrengebiete, die ueber Jahrhunderte als dafuer voellig ungeeignet angesehen wurden. Waehrend auf diese Weise an den Schwemmkegeln und in den Taelern viele neue Gefahrenpunkte entstanden, vermag der durch Rodungen, Luftverschutzung und ueberhoehte Wildstaende vielfach geschaedigte Bergwald immer weniger Niederschlagswasser bzw. Schneemengen zu binden, so dass heute weithin mit einem nachweisbar vergroesserten Naturkatastrophenpotential aus den Hochlagen zu rechnen ist, das dank der Schwaechung des schuetzenden Bergwaldmantels nicht nur die Einheimischen und ihre Gaesete vermehrt bedroht, sondern auch angesichts der geaenderten Charakteristik unserer Gewaesser neue Gefahren fuer die dicht besiedelten Unterlaeufe erwarten laesst. Allein der Wald koennte in Zukunft dazu beitragen, einen Teil der katastrophenrelevanten Faktoren zu beeinflussen und so die Katastrophendrohung zu mindern. Das gilt insbesondere fuer das Abflussgeschehen beim unbeeinflussbaren, als Landschaftskonstante aufzufassenden Niederschlagsangebot, weil durch Verdunstung des Waldes im Boden freie Wasseraufnahmekapazitaet geschaffen wird, die den Abfluss vermindert. Aber auch die oertliche Lawinen- und Rutschungsbedrohung wuerde durch einen auszudehnenden und stabilisierten Waldmantel vermindert. Bei unserer heutigen ueberzogenen Siedlungssituation, die weithin aus den sicheren Bereichen herausgewachsen ist, wuerde ein wiederhergestellter und erweiterter Schutzmantel des Waldes den Direktschutz verbessern und weit entfernten Gebieten ueberfluessige Katastrophen ersparen. Die Stabilisierung und Erweiterung des Bergwaldes, der auch als Trinkwasserherkunftsgebiet und Partikelfalle dient, laege daher im dringenden Interesse der empfindlicher gewordenen Gesellschaft des ganzen Landes.