Titel
Die Gesellschaft im Umgang mit Lawinengefahren : Fallstudie Graubünden
Verfasser
Körperschaft
Erscheinungsjahr
1998
Seiten
229 S.
Illustrationen
zahlr. Lit. Ang.
Material
Bandaufführung
ISBN
3-7281-2582-2
Standardsignatur
I-14343
Datensatznummer
63995
Quelle
Abstract
Naturgefahren haben in jeder Gesellschaftsform stets eine Rolle gespielt. So existieren in allen Kulturen Strategien, um sich vor den unerwünschten Auswirkungen von Naturereignissen zu schützen. In den letzten 100 Jahren war in den westlichen Zivilisationen der Umgang mit Naturgefahren durch einen enormen Fortschritt im Bereich der technischen Schutzmassnahmen geprägt. Dadurch konnte die Wirkung von vielen natürlichen Prozessen soweit eingedämmt werden, dass die früher als natürlich empfundenen Ereignisse von der Gesellschaft nicht mehr gleichartig wahrgenommen werden. Schutzmassnahmen erscheinen immer mehr als selbstverständlich oder die Notwendigkeit von Gefahrenneubeurteilungen wird angezweifelt. Nachdem nun in den letzten Jahren die Schadensummen infolge Naturkatastrophen weltweit gestiegen sind, entstehen neue Probleme. Im Zusammenhang mit Naturgefahren sind die klimatischen Verhältnisse wichtig. Es bestehen heute keine Zweifel mehr, dass das Klima auf der Erde sich stets ändert und damit auch die Voraussetzungen für gefährliche Naturereignisse. Die Klimaszenarien der internationalen Programme prognostizieren in den nächsten Jahrzehnten einen markanten Erwärmungstrend. Es stellt sich nun die Frage, ob unsere Gesellschaft aufgrund nachweisbarer Verhaltensmuster und der bestehenden Organisationsformen auf eine möglich Klimaänderung und deren Folgen reagieren kann und mit welchen Massnahmen sich diese Raktionsfähigkeit verbessern lässt. In der vorliegenden Fallstudie Graubünden werden in den beiden Untersuchungsgebieten Surselva und Oberengadin die vier Gemeinden Disentis, Samedan, Bever und Zuoz bezüglich ihres Verhaltens gegenüber dem Lawinenrisiko untersucht. Die durch den Bund verlangte und mitfinanzierte Lawinenprävention ist im ganzen Kanton Graubünden über das Forstinspektorat und über die kantonale Gebäudeversicherung einheitlich aufgebaut. Die durchgeführten Untersuchungen bestehen aus drei Hauptbestandteilen: 1. Für jede Gemeinde wurde eine Chronologie der Ereignisse erarbeitet und soweit möglich in Beziehung zu den getroffenen Schutzmassnahmen gebracht. 2. Die heutige Wahrnehmung der Lawinengefahr in Disentis und im Oberengadin wurde durch problemzentrierte, qualitative Interviews mit Personen, die einen direkten Bezug zur Lawinenproblematik haben, untersucht. 3. In zwei Diskussionsrunden wurden mögliche Zukunftsszenarien entworfen und öffentlich diskutiert. Neben den gemeindespezifischen Schlussfolgerungen entstanden Erkenntnisse, die den Umgang der Gesellschaft mit Naturgefahren verbessern könnten. So können Lawinenereignisse Konflikte auslösen, die die Reaktionsfähigkeit einer Gesellschaft zu sehr ungünstigen Zeitpunkten teilweise lähmen. Zwischen dem Risikoverhalten und den von den einzelnen Personen abhängigen Faktoren Erinnerungsvermögen, Betroffenheit durch frühere Ereignisse, Bildung, Naturverbundenheit und Beziehung zum Wohnort besteht ein Zusammenhang. Nach einer schadenlosen Zeitspanne von bereits 10 bis 15 Jahren glaubt ein Teil der Befragten die Situation genügend unter Kontrolle zu haben, wodurch das Sicherheitsgefühl zunimmt. Dies stimmt interessanterweise ziemlich gut mit dem Erinnerungsvermögen an meteorologische Einzelheiten überein. Zur Zeit verfügt der Kanton Graubünden über ein gut ausgebautes Instrumentarium sowohl bei der Gefahrenzonenplanung als auch im Lawinenverbauungswesen. Diese Situation kann mit einem Einbezug der schadensbewältigendem Gebäudeversucherung in die Lawinenprävention verbessert werden. Das hierzu geeignete Werkzeuge bilden Risikoanalysen, welche Gefahren in Bezug zu den möglichen Schäden setzen und Klimarisiken mit einbeziehen.