Titel
Klimaänderung und Naturkatastrophen im Berggebiet : Auswirkungen auf die Landwirtschaft und ihr sozioökonomisches Umfeld am Beispiel der Surselva GR
Verfasser
Erscheinungsort
Zürich
Verlag
Erscheinungsjahr
1997
Seiten
192 S.
Illustrationen
zahlr. Lit. Ang.
Material
Bandaufführung
ISBN
3-7281-2444-3
Standardsignatur
I-14342
Datensatznummer
63976
Quelle
Abstract
Die Regionalstudie Surselva befasst sich als erstes mit den spezifischen Auswirkungen von Klimaänderungen und Naturkatastrophen auf die Berglandwirtschaft. Die zweite zentrale Forschungsfrage dreht sich um die Rolle der Berglandwirtschaft innerhalb des sozioökonomischen regionalen Systems. Der regionale Fokus wird in der ganzen Studie beibehalten. Seine nationalen und globalen Rahmen-bedingungen wurden in Teil 1 bis 3 bearbeitet (vgl. Flückiger & Rieder 1997/a) und fliessen in Form von Szenarien in diese Studie ein. Aus der sektoralen Analyse in Teil 3 geht hervor, dass der Produktionsstandort Berggebiet durch die globalen Klimaänderungen kostenmässig benachteiligt sein wird. Der Düngungseffekt einer höheren atmosphärischen CO2-Konzentration (CO2-Effekt), sowie die Verschiebung der Anbauzonen um etwa 150 m pro 1°C Erwärmung und die Verlängerung der Vegetationsperiode aufgrund der globalen Erwärmung lassen zwar auch im Berggebiet Ertragssteigerungen im Rauhfutterbau von 10 bis 15 % erwarten. Die ökonomische KOnkurrenzfähigkeit des Rauhfutterbaus wird jedoch - in Relation zu jenem im Talgebiet - verschlechtert, und damit die Diskrepanz zwischen den Einkommensverhältnissen des Tal- zum Berggebiet zunehmend erhöht. Die verschlechterte Konkurrenzfähigkeit der Berglandwirtschaft durch die globalen Klimaänderungen fliesst zwar in die regionalen Szenarien ein. diese bewirken letztendlich innerhalb des Systems Surselva wenig Veränderungen. Das Gefahrenpotential für die Berglandwirtschaft wird viel eher bei den Naturkatastrophen bzw. den daraus abgeleitenen Effekten liegen. Der zu erwartende oder möglicherweise in Ansätzen bereits spürbare, anthropogen verursachte Klimawandel wird die Bevölkerung in der Sulselva nicht vor grundsätzlich neue Problemsituationen stellen - er wird nur bereits bestehende akzentuieren. Im Bereich von Naturkatastrophen wie Hochwasser, Murgänge oder Lawinen besitzt die Region einen reichen Erfahrungsschatz, der im Zusammenhang mit neuen technisch-planerischen Mitteln die Katastrophenfolge bis in die Gegenwart auf ein sozial erträgliches Mass einzuschränken vermochte. Unter der Bedingung einer konsequenten Fortsetzung sowie eines gezielten Ausbaus der bestehenden Anstrengungen wird die Region auch in Zukunft heutige Bedürfnisse der Bevölkerung nach Katastrophensicherheit befriedigen können. Unabdingbare Voraussetzung nach Katastrophensicherheit befriedigen können. Unabdingbare Voraussetzung ist hierbei aber eine verbesserte Pflege der dringend notwendigen Schutzwaldungen. Im Bereiche der Regionalwirtschaft akzentuiert der Klimawandel die Frage um die Zukunft der vielerorts skitourismuslastigen wirtschaftlichen Strukturen. Die Folgerungen entsprechen denjenigen aus der allgemeinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Gefragt sind wenig kapitalintensive Innovationen, die endogene Potentiale besser zu nutzen vermögen und zu einer vielfältigen regionalen Wirtschaftstruktur führen. Ziel dieser Strategien ist eine längerfristig grössere Flexibilität und eine geringere Sensibilität gegenüber der breiteren und unsichereren Nachfrage, beispielsweise nach Tourismusleistungen. Eine traditionsorientierte und gleichwohl innovationsfähige Landwirtschaft spielt im Rahmen der zukünftigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung im Berggebiet eine nicht zu unterschätzende Rolle, weil sie für die Umsetzung der notwendigen Strategien grundlegende Potentiale bereithält und überdies oft über vielfältige Erfahrungen verfügt. Sowohl das Gewerbe wie der Tourismus sind im Berggebiet stark auf eine funktionsfähige Landwirtschaft angewiesen. Länderfristig tragfähige Alternativen sind kaum auszumachen. Der Klimawandel oder die Schneeunsicherheiten haben mit der Landwirtschaft nur soviel zu tun, als dass die zunehmenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten den blick vielleicht noch rechtzeitig auf die ungenutzten Potentiale der Landwirtschaft werfen lassen. Das Sensitivitätsmodell von Frederic Vester dient als methodischer Ansatz zur Abbildung der sozioökonomischen Strukturen der Testregion Surselva. Dieser Modellansatz ist deshalb geeignet, weil damit die vernetzten Lebensbereiche und die qualitativen Grössen wie beispielsweise die Qualität der Kulturlandschaft, die Risikowahrnehmung oder das Naturgefahrenpotential erfasst und eine kybernetische Analyse der daraus resultierenden Wechselwirkungen vorgenommen werden kann. Damit die komplexen Abhängigkeiten einer Bergregion realitätsnah abgebildet werden können, werden anstelle einer flächendeckenden Modellierung drei Teilräume der Region Surselva modelliert (Disentis, Vals, Trun). Damit lassen sich einerseits die gestellten Forschungsfragen für die Region Surselva beantworten und andererseits Rückschlüsse für den ganzen alpenraum ziehen. Die Bewertung der Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Wirkungsgrössen einzelner Teilräume, sogenannten Systemen, wird in Einflussmatrizen vorgenommen. Daraus lässt sich die Rolle der einzelnen Wirkungsgrössen, sogenannten Variablen, innerhalb des Systems beurteilen. Die Mehrheit der Variablen ist relativ gering vernetzt; sie verhalten sich somit ziemlich träge. Wirken nun einzelne Störgrössen (Extremereignisse) oder Modellszenarien auf das System bzw. einzelne Teilräume, verhält sich das System relativ stabil. Die Grösse des Schadens eines eingetretenen Naturereignisses erweist sich als einzige Variable hochaktiv. Sie stellt somit einen wirksamen Schalthebel dar, der das System in Bewegung versetzen kann. Von ihr gehen gezielte Wirkungspotentiale aus (z.B. Einbruch im Tourismus, Förderung des Baugewerbes durch die Instandstellungsarbeiten und den technischen Katastrophenschutz). Ausserdem ist mit indirekten Wirkungen zu rechnen. Ein Grossereignis kann beispielsweise die Überlebensfähigkeit der dörflich regionalen Gesellschaft beeinträchtigen. Die Überlebensfähigkeit eines Dorfes im Berggebiet ist dann gewährleistet, wenn eine gewisse Basisinfrastruktur angeboten werden kann (Erschliessung, Bildung, Gesundheitswesen, Veriene etc.). Ist diese durch ein erhöhtes Naturgefahrenpotential nicht mehr gegeben, ist langfristig das Überleben von Bergregionen in Frage gestellt. Die landwirtschaftlichen Variablen verhalten sich allesamt sehr träge. Veränderungen vom landwirtschaftlichen Einkommen oder den Agrarstrukturen (Betriebsgrössen) implizieren kaum Veränderungen im System. Die landwirtschaftlichen Grössen können aber wichtige Indikatioren sein, die über den Zustand des Systems Auskunft geben (z.B. die Flächennutzung, das landwirtschaftliche Einkommen, Betriebsgrössen). Sie können aber auch mittels Variablen, die eine Hebelwirkung ausüben, das System indirekt in Bewegung versetzen. Eine verfehlte Land- und Raumnutzung führt beispielsweise dazu, dass Flächen grossflächig verganden oder viele Bauern aus dem Beruf aussteigen und dadurch wesentlich systemkritischere Variablen zum Zuge kommen können. Beim Überschreiten gewisser Schwellen- oder Grenzwerte kann das System umkippen. Unter einem schlechten Umweltimage haben schliesslich die Umsatz- und Ertragszahlen im Tourismus zu leiden. Die Umsatz- und Ertragslage im Tourismus ist in den Teilräumen Vals und Disentis von grundlegender Bedeutung. Von einer zunehmenden Schneearmut sind dort die meisten Sektoren - insbesondere auch die Landwirtschaft - betroffen. Bei verbesserten Schneeverhältnissen und florierendem Wintertourismus wird die Berglandwirtschaft grundsätzlich positiv beeinflusst. Aufgrund der zusätzlichen Neben- und Zuerwerbsmöglichkeiten wird die Anzahl Nebenerwerbsbetriebe zunehmen. Dadurch wird aber auch eine Entwicklung zu Gunsten einer kleinstrukturierten Landwirtschaft eingeleitet, die strukturpolitisch nicht erwünscht sein kann. Umgekehrt werden in einem skitouristischen Ungunstraum die ausserlandwirtschaftlichen Zuerwerbsmöglichkeiten zurückgehen und dadurch der Abwanderungssog gebremst. Der Stellenwert der Voll- bzw. Zuerwerbsbetriebe nimmt zu, was sich eher positiv auf die landwirtschaftlichen Strukturen des Berggebietes auswirkt. Unter den zu erwartenden Veränderungen wird die Mulitfunktionalität der Landwirtschaft neu definiert werden müssen. Die Landwirtschaft wird neben der eigentlichen Produktionsaufgabe und ihrem Beitrag zur Stabilisierung und Erhaltung der Dorf- und Wirtschaftsstrukturen vermehrt öffentliche Aufgaben zu übernehmen haben. Sie wird aufgrund des zunehmenden Gefahrenpotentials von Naturkatastrophen vermehrt Schutz- und Sicherungsziele erfüllen müssen (z.B. Landschaftsschutz, Bewirtschaftung von Grenzertragsböden). Damit die Landwirtschaft diese Funktionen übernehmen kann, muss sie gesundÖstrukturiert und demzufolge von leistungsfähigen Voll- und Zuwerbsbetrieben geprägt sein. Unter den heutigen Voraussetzungen haben die Variablen der Forst- und Holzwirtschaft keine Systemerelevanz. In Zusammenhang mit einer möglichen veränderten Gefahrenlage wird diesen Variablen wieder eine grössere Bedeutung beigemessen werden müssen, wie die Simulationen im Teilszenario alternatives NutzungsmodellÖdeutlich zeigen. Mit zusätzlichen Wald-, Busch und Heckenflächen sollen nicht nur Schutzfunktionen gefördert, sondern ebenso eine Aufwertung der Landschaft erreicht werden. Die Handlungsoptionen für die Zukunft müssen aufgrund der zu erwartenden Klimaänderungen und Naturkatastrophen nicht grundsätzlich neu überarbeitet werden. Das Regionalmodell hat gezeigt, dass mögliche Veränderungen ausschliesslich von der sektoralen Entwicklung im Tourismus und der Landwirtschaft, den Umweltgrössen, dem Verkehrsaufkommen und der Überlebensfähigkeit der dörflichen Bevölkerung ausgehen werden. Falls bei diesen Leitgrössen Fehlentwicklungen vermieden werden, bleiben die Systeme im Berggebiet gut gepuffert und können sich bei äusseren Einflüssen, wie beispielsweise bei Naturkatastrophen, weitgehend selbst stabilisieren.