Titel
Naturnaher Waldbau: gestern, heute, morgen : Jahresversammlung des Schweizerischen Forstvereins
Paralleltitel
Near-Natural Silviculture: Past, Present and Future
Verfasser
Erscheinungsjahr
1999
Illustrationen
26 Lit. Ang.
Material
Unselbständiges Werk
Standardsignatur
629
Datensatznummer
200055462
Quelle
Abstract
Semantisch betrachtet leitet sich die Bezeichnung "naturnah" von einer humanistischen Interpretation der Natur in ihrem Bezug zur Kultur, bzw. letztlich zum Menschen, ab, was im Gegensatz zu fundamentalistischen, strikteren biozentrisch orientierten Anschauungen steht. Der von Schädelin und Leibundgut entwickelte schweizerische naturnahe Waldbau, eine seit 70 Jahren in der Schweiz vertretene Lehrmeinung, ist als gesamtes Waldnutzungskonzept zu verstehen, umfassender als eine Betriebsart, welche durch eine bestimmte Waldbautechnik charakterisiert ist. Es ist eine liberale, pragmatische Form einer naturschonenden Waldnutzung, welche sowohl die einzelstammweise Erneuerung wie im Plentersystem, als auch eine Erneuerung und Erziehung in Baumkollektiven mit klarer Ablösung der Generationen wie im Femelschlag beeinhaltet, zur Erreichung der gleichen Ziele, nämlich strukturierter Mischwälder. Ein solches Nutzungskonzept lässt sich durch die sechs folgenden Prinzipien kennzeichnen: Ausnützung des lokalen bzw. individuellen Ertragspotentials, Nutzung ist gleichzeitig Pflege, Kontinuität der Walderneuerung, Vorteile der Mischungen, Ausnützung der Naturverjüngung und freie Hiebsführung. Das charakteristische Handlungsprinzip ist die freie Hiebsführung. Damit ist die Vielfalt der Waldbautechnik mit je nach Situationen frei wählbaren Hieben als breites Ausführungsinstrument systembestimmend. Der naturnahe Waldbau erfüllt im wesentlichen die ständig an Bedeutung gewinnenden neuen Gesellschaftsansprüche an den Wald als Lebensraum. Das heutige Challenge an die Waldnutzung der Schweiz liegt viel mehr in der wirtschaftlichen Komponente als in der verbesserten Naturnähe, weil durch die Liberalisierung des Handels die Ertragslage des Holzproduktionsbetriebes immer prekärer geworden ist. Dafür ist ein kosteneffizienter Waldbau mit Schwerpunkt auf die biologische Rationalisierung zu entwickeln. Dies bedarf einer neuen waldbaulichen Einstellung, welche vermehrt naturopportun (d.h. auf der sog. Naturautomation beruhend) und weniger deterministisch wie bisher, sowie mehr einzelbaumorientiert als flächendeckend wirkdam und mit situativen Eingriffen, d.h. der unterschiedlichen Entwicklungspotentialen von Einzelbäumen entsprechend, arbeitet. Darüber hinaus bedarf eine echte Multifunktionalität verträglicher Lösungen mit Integration des waldbaulichen Handelns auf vielfältigeren Skalen als bisher.