Abstract
Die Bestände einiger Niederwildarten (e.B. Feldhase, Rebhuhn, Fasan) haben in Deutschland (aber auch in den Nachbarländern) in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen, obwohl sicherlich weniger drastisch als die Jagdstreckenstatistik vermuten läßt, da die Strecken aufgrund einer zunehmend schonenden Bejagung schneller zurückgehen als die Bestände. Primär ist dieser Bestandsrückgang zweifellos auf die negativen Landschaftsveränderungen als Folge unserer intensiven Landschaftsnutzung zurückzuführen. Etwa zeitgleich nahmen die Bestände einiger Prädatoren zu, was zu der Forderung einer verstärkten Prädatorenbejagung führte. Wenn in einem Teich das Wasser fehlt und die Fische durch Trockenheit zu sterben drohen, ist es wenig sinnvoll, als Hilfemaßnahme Prädatoren zu bejagen, die den sterbenden Fischbestand nutzen wollen. Die einzig sinnvolle Maßnahme wäre es, das notwendige Wasserniveau wiederherzustellen. Ebenso können die rückläufigen Feldhühner- und Hasenbestände nur durch Wiederherrichtung der notwendigen Landschaftsstrukturierung und nicht durch eine Reduktion der Pädatorenbestände gerettet werden (siehe u.a. Gossow 1976, Hespeler 1997, Kalchreuter 1980 Koch 1961, Müller 1981, Remmert 1992, Schneider 1978, Spaans 1982, Spaans & Renssen 1983). Darüber hinaus ist die bestandsreduzierende Wirkung einer Prädatorenbejagung fraglich (Braunschweig 1996, Gossow 1976, Hespeler 1995, Kalchreuter 1994b, Spaans 1982, Spaans & Renssen 1983, Van Oort 1978, Zimen 1982). Auch eine Fuchsbejagung zur Bekämpfung der Tollwutgefahr ist in Frage zu stellen. Ohne die Gefährlichkeit der Tollwut zu unterschätzen, kann festgestellt werden, daß die Gefährdung des Menschen durch Tollwut in Deutschland vernachläßigbar gering ist und mit einem Maximum von weniger als einem Opfer pro Jahr während der Tollwutwellen, weit hinter den Gefahren von z.B. Tabak, Alkohol und Verkehr (mit jeweils mehreren tausen Toten pro Jahr) zurücksteht. Darüber hinaus scheint die Tollwut wirksam zur Regulierung der Fuchsbestände beigetragen zu haben, und wird der Mensch durch mit Tollwut infizierte Wildtiere, insbesonder durch Füchse, kaum gefährdet. Da die dokumentierten Tollwutfälle bei Menschen vornehmlich durch Haushunde und -katzen verursacht wurden, kann die Bevölkerung offensichtlich am wirksamsten gegen eine Tollwut-Infektion geschützt werden, indem Kontakte zwischen Wild- und Haustiere, insbesondere zwischen Wildtieren einerseits und Hunden und Katzen andererseits vermiden werden. Dies bedeutet Hunde anzuleinen, wildernde Katzen und Hunden zu töten sowie eine Pflicht-Impfung von Haustieren durchführen zu lassen (Van Haaften 1968). Darüber hinaus ist fraglich, ob die Reduktion von Fuchsbeständen durch die Jagd die Tollwut wirksam eindämmt, da die Tollwut örtlich auch ohne drastische Senkung der Fuchsdichte durch Bejagung erloschen ist bzw. andernorts trotz intensiver Bejagung auftrat, und eine intensive Bejagung des Fuchses u.U. sogar zur Verbreitung der Tollwut beitragen kann (Borchier & Pastoret 1991, Gossow 1976, Hespeler 1995, Niewold 1976b, Rin 1983, Van Haaften 1968, Van Oort 1978, Zimen 1982). Auch der Fuchsbandwurm ist als Begründung für die Notwendigkeit der Fuchsjagd denkbar ungeeignet, da nach jüngsten Forschungsergebnissen einerseits keine ernstzunehmende Gefährdung für den Menschen vom Fuchsbandwurm ausgeht, und andererseits die Zahl der jährlich neu auftretenden Echinokokkosefälle unabhängig von der Fuchsdichte ist (Hespeller 1995, Labhardt 1996, Meuleman 1970). Die Schlußfolgerung des Vorhergegangenen kann nur sein, daß die einzigen Gründe für eine Fuchsbejagung die jagdliche Passion des Jägers und der Fuchspelz sein können. Die Bejagung von Prädatoren um die ursprüngliche Biodiversität wiederherzustellen (Ausnahme: die Ausrottung von bestimmten Neozoen) kann keine langfristig wirksame Methode sein. Eine langfristige Sicherung der Bestände freilebender Tierarten ist nur zu erreichen, wenn die Nutzung auf der Gesamtfläche auf eine wohlausgewogene Nutzung, gemäß vom IUCN entwickelten und 1992 auf der UNO-Konferenz in Rio de Janeiro beschlossenen Prinzip einer nachhaltigen Nutzung (=sustainable use) sowie nach dem 1971 in der Ramsar-Konvention formulierten "wise use" Prinzip, umgestellt wird. "Wise use" ist eine wohlausgewogene, nachhaltige Flächennutzung, wobei die dort vorhandenen Resourcen zwar genutzt werden können (nicht müssen!), aber nur dann, wenn sie erneuerbar sind, und nur so, daß bei dieser Nutzung die abbiotischen Faktoren des Ökosystems, sowie die Interaktionen zwischen ihnrn nicht gestört werden (DICK et al. 1994, ZWFD 1994). Die fehlende Umsetzung des Prinzips der wohlausgewogenen nachhaltigen Nutzung ist einer der wichtigsten Gründe für die Umweltprobleme in der Welt. Die Umsetzung dises Prinzps würde bedeuten, daß durch eine umweltgerechte, nachhaltig betriebene Flächennutzung Natur und Landschaft erhalten und ökologisch verbessert werden. Der Versuch an Symptomen zu kurieren ohne die wirklichen Probleme zu lösen (z.B. Prädatorenjagd), lenkt von den tatsächlichen Problemen ab, und teilt Jäger und Nicht-Jäger in zunehmend härtere Fronten, währen der gemeinsame Einsatz für eine flächendeckende, wohlausgewogene nachhaltige Nutzung unserer Landschaft, im Geiste von Rio, beide Gruppen zueinander bringen würde. Nur eine Jagd, die alte Vorurteile abbaut und für neue Ideen offen ist, hat eine Zukunft.