Titel
Renaturierung von Stromtalwiesen am hessischen Oberrhein : Ergebnisse eines E+E-Vorhabens des Bundesamtes für Naturschutz
Verfasser
Körperschaft
Erscheinungsort
Bonn
Verlag
Erscheinungsjahr
2006
Seiten
263 S. CD-ROM (Anhang)
Illustrationen
zahlr. Lit. Ang.
Material
Bandaufführung
ISBN
978-3-7843-3931-3
Standardsignatur
15101
Datensatznummer
136564
Quelle
Abstract
Ausgehend vom geringen Erfolg bisheriger Bemühungen zur Renaturierung artenreicher Stromtalwiesen vom Typ der Brenndoldenwiesen sowie der hohen nationalen und internationalen naturschutzfachlichen Bedeutung dieses FFH-Lebensraumtyps wurde von Oktober 2000 bis März 2005 im Bereich der Gemeinde Riedstadt am hessischen Oberrhein westlich von Darmstadt ein Erprobungs- und Entwicklungsvorhaben des Bundesamtes für Naturschutz durchgeführt. Hauptziel dieses Vorhabens war die Entwicklung und Erprobung von Verfahren zur Renaturierung von Stromtalwiesen, die Ermittlung naturschutzkonformer landwirtschaftlicher Nutzungsoptionen sowie die Sicherung und Erweiterung international bedeutsamer, aber stark fragmentierter Restvorkommen der Stromtalwiesen. Die Durchführung des E+E-Vorhabens erfolgte in Zusammenarbeit der Gemeinde Riedstadt (Hauptvorhaben), der Justus Liebig-Universität Gießen (wissenschaftliche Begleitung), des Landes Hessen (Co-Finanzierung) und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN, Finanzierung und Fachbetreuung). Im Rahmen des Vorhabens standen insgesamt 47,7 ha standörtlich geeigneter Flächen für die Durchführung von Renaturierungsmaßnahmen zur Verfügung. Hiervon wurden 11,6 ha von der Gemeinde Riedstadt, 14,4 ha vom Land Hessen und 1 ha von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) für das Vorhaben zur Verfügung gestellt. Weitere 20,7 ha konnten aus Bundesmitteln erworben werden. Mehr als 80% der Flächen unterlagen zuvor einer intensiven ackerbaulichen Nutzung. Eine eingehende Analyse bisheriger Maßnahmen zur Renaturierung von Auengrünland am hessischen Oberrhein ergab, dass deren mäßiger Erfolg vor allem auf die geringe Verfügbarkeit von Diasporen zurückzuführen ist. Weder die langlebige Samenbank des Bodens noch räumlich oft isolierte Restpopulationen können aktuell einen entscheidenden Beitrag zur Reetablierung von Zielarten auf Renaturierungsflächen leisten. Im Mittelpunkt der Maßnahmen stand daher die Erprobung von Verfahren zur gezielten Ansiedlung möglichst vollständiger Zielartengemeinschaften durch den Transfer von diasporenhaltigem Mahdgut aus leitbildnahen Altbeständen auf Renaturierungsflächen. Dieses Verfahren wurde im Rahmen des Vorhabens erstmals besonders großflächig und unter praxisnahen Bedingungen erprobt. Sämtliche Maßnahmen konnten von vor Ort ansässigen Landwirten, die teilweise auch die spätere Nutzung der Flächen übernahmen, durchgeführt werden. Als Spendermaterial diente der Aufwuchs artenreicher Altbestände von Brenndolden- und Stromtalpfeifengraswiesen in der näheren Umgebung der Projektflächen. Das Mahdgut wurde zur Zeit der Samenreife der meisten Zielarten im Zeitraum von September bis Oktober gemäht, mit einem Siloladewagen zu den Renaturierungsflächen transportiert und dort maschinell verteilt. Aufgrund der Knappheit geeigneten Mahdguts fand kein flächenhafter Auftrag, sondern lediglich eine Anlage schmaler Streifen zur Initialisierung der Wiederbesiedlung mit Zielarten statt. Zur Verbesserung der Etablierungsbedingungen erfolgte in bestehendem Grünland und auf älteren Ackerbrachen vorab eine Störung der Vegetation und des Oberbodens durch mehrmaliges Fräsen. In den ersten Jahren nach Mahdgutauftrag wurden die Flächen in der Regel gemulcht und dann, nach Ausbildung einer mehr oder weniger geschlossenen Grasnarbe, direkt zur Nutzung an Landwirte übergeben. Zur Beurteilung des Maßnahmenerfolgs erfolgte auf ausgewählten Flächen über die Laufzeit des Vorhabens ein Monitoring der Sukzession der Pflanzen- und TiergemeinSchäften, wobei unterschiedliche standörtliche Rahmenbedingungen und Behandlungsvarianten miteinander verglichen wurden. Aus dem übertragenen Mahdgut konnten sich innerhalb von nur 3 bis 4 Jahren nachweislich über 100 Pflanzenarten etablieren darunter 26 Arten der Roten Listen. Zu den erfolgreich übertragenen Arten zählen auch extrem seltene Sippen wie Arabis nemorensis, Iris spuria, Scutellaria hastifolia und Viola pumila. Während das Nährstoffniveau der Empfängerfläche bisher kaum Einfluss auf den Etablierungserfolg von Zielarten zeigte, war die Vegetationsstruktur der Empfängerfläche von überragender Bedeutung für den Maßnahmenerfolg. Junge Ackerbrachen mit einer schütteren Vegetation aus Einjährigen und kurzlebigen Ruderalarten erwiesen sich diesbezüglich am günstigsten, während der Etablierungserfolg in bestehendem Grünland fast durchweg enttäuschend gering war. Auch die angewandten Störungsregime (Fräsen) zeigten hier kaum positive Effekte. Binnen drei Jahren zeichneten sich die analysierten Projektflächen bereits durch eine bemerkenswert arten- und individuenreiche Fauna aus. Mit 107 Tierarten der Roten Liste ist die Anzahl gefährdeter Arten auf den Renaturierungsflächen nur unwesentlich geringer als in Altbeständen (113) im gleichen Naturraum. Besonders rasch vollzog sich die Besiedlung bei mobilen Gruppen wie Laufkäfern und Heuschrecken, deren Auftreten primär von strukturellen Parametern des Vegetationsbestandes abhängt. Im Fall der offene Bodenstrukturen bevorzugenden Laufkäfer war die Arten- und Individuenzahl im Vergleich zu Altbeständen sogar deutlich höher. Wesentlich zögerlicher verlief die Besiedelung durch spezialisierte Phytophage wie Tagfalter, Wanzen, Blatt- und Rüsselkäfer, die auf bestimmte Nahrungspflanzen angewiesen sind. Obwohl sich gerade bei den Phytophagen noch sehr deutliche qualitative und quantitative Unterschiede zu Altwiesen ergaben, haben sich auch bei diesen Gruppen innerhalb von nur drei Jahren vergleichsweise artenreiche Tiergemeinschaften entwickelt. Effekte der Mahdgutübertragung auf die Fauna lassen sich bisher kaum nachweisen. Durch die sich abzeichnende Entwicklung bedeutender Nahrungspflanzen (Peucedanum officinale, Sanguisorba officinale) im Bereich der Mahdgutauftragsflächen ist hier zukünftig aber mit einem Auftreten spezialisierter phytophager Zielarten wie der Haarstrangwurzeleule und dem Schwarzblauen Wiesenknopf-Bläuling zu rechnen. Anhand phänologischer und populationsbiologischer Studien konnte gezeigt werden, dass die Mehrzahl der Zielarten der Flora in der Lage ist, eine relativ frühe Mahd ab Mitte Juni zu tolerieren. Hieraus ergeben sich sehr günstige Optionen hinsichtlich einer futterbaulichen Verwertung der Aufwüchse von Stromtalwiesen. Anhand umfangreicher Futterwertuntersuchungen konnte ferner belegt werden, dass Stromtalwiesen sich durch vergleichsweise hohe Erträge und günstige Futterwerteigenschaften auszeichnen. Heu aus Stromtalwiesen ist demnach in der Tierhaltung prinzipiell gut einsetzbar und insbesondere für die Fütterung von Pferden hervorragend geeignet. Ein Großteil des in Stromtalwiesen gewonnenen Heus geht in die derzeit im Rhein-Main-Gebiet stark prosperierende Haltung von Reit- und Freizeitpferden. In Ergänzung zur Produktion von Pferdeheu erfolgt aktuell in Teilbereichen eine Nachbeweidung des zweiten Aufwuchses mit Schafen in der Zeit von Spätsommer bis Winter. Beide Nutzungsformen konnten bereits in der Schlussphase des Vorhabens auf den Projektflächen initialisiert werden und dürften zumindest mittelfristig tragfähig sein. Die Ergebnisse des Vorhabens belegen am Beispiel der Stromtalwiesen eindrucksvoll, dass die Methode der Diasporenübertragung mittels Mahdgut auch bei großflächiger Anwendung unter Praxisbedingungen ein überaus probates Mittel ist, die Ausbreitungslimitierung von Zielartengemeinschaften in stark fragmentierten Kulturlandschaften zu überwinden. Bezüglich der weiteren pflanzlichen und tierischen Sukzession auf den Maßnahmenflächen unter dem Einfluss einer sich schließenden Grasnarbe und dem Einsetzen regelmäßiger landwirtschaftlicher Nutzung bestehen noch erhebliche Unsicherheiten und Unwägbarkeiten. Zur Beantwortung dieser offenen Fragen scheint ein fortgesetztes Monitoring der Flächenentwicklung daher dringend geboten.